Man begenet sich immer ZWEIMAL

Es ist jetzt genau fünfzehn Jahre her, dass ich mit Windpocken wochenlang im Bett lag. Ich war damals 23. Es war Frühsommer , viel zu heiss für Ende Mai und ich lag mit Fieber und furchtbarem Ausschlag auf meiner ersten eigenen Couch in meiner ersten Wohnung. Ich hatte einen unausstehlichen Mitbewohner, der gerade im Begriff war, auszuziehen. Überall in der Wohnung lagen seine Bücher, seine Umzugskisten, nur seine Möbel waren schon weg.
Es war eine grosse Wohnung im vierten Stock eines Mietshauses, ohne Aufzug. Das Wohnzimmer war unterm Dach und entsprechend heiss war es. Ich konnte nicht schlafen. Die Windpocken juckten und taten weh, die Luft stand im Raum, ich schwitzte wie verrückt und hatte zusätzlich noch Fieber. Ich zog auf die Couch vor den Fernseher, weil ich wenigstens dort etwas besser lüften konnte. Ich war wach. Tagelang schlief ich nur stundenweise und sah fern. Nachts, und vor allem Einkaufsender. Mit Vorliebe QVC. Ich kannte die Sendungen fast schon auswendig, jedenfalls kannte ich jedes Produkt. Aber nachts, die Livesendungen waren irgendwie am interessantesten. Der Moderator war locker und machte täglich während der Sendung Witze und Spässchen mit dem, sich etwas dämlich anstellenden Kameramann. Es schien eine Art besonderer Gag zwischen den Beiden zu sein. Der Kameramann zoomte, wackelte und fing im falschen Moment das falsche Bild ein. Als Zuschauer war man entweder irritiert oder amüsiert.
Der Moderator witzelte über den blonden Hühnen, mit den langen Haaren, auf dessen Arm die Kamera scheinbar winzig aussah.
„Wenn Sie ihn sehen könnten, meine Damen und Herren, sie wären fasziniert…“
Der grosse, starke, blonde Mann, schien ja umwerfend auszusehen.
Ich war amüsiert und irgendwann so amüsiert, dass ich in einer Livesendung anrief, es ging gerade um Goldschmuck und darum bat, den Kameramann sehen zu dürfen. Natürlich machte ich das sehr geschickt, interessierte mich erst für das Goldarmband, der Kameramann war mit einer Nahaufnahme gefragt. So kam das Gespräch auf ihn und der Moderator spielte mit. „Ja komm Tim, dann zeige Dich mal…“ Und so sah ich ihn. Den muskulösen Kameramann Tim, mit den langen blonde Haaren und einem unglaublichen Waschbrettbauch und noch unglaublicheren Oberarmen.
OHHH MY GOODNESS!
Der sah aus, wie irgendeine nordische Gottheit. Oder war es das Fieber?
Ich sah danach jede Nacht QVC. Nacht für Nacht. Nur leider nur noch einmal den Kameramann.
Bis ich wieder gesund war und leider die Arbeit es nicht zuließ, dass ich die Nacht vor dem Fernseher verbrachte.
Ich vergaß Tim, ich vergaß den Shoppingsender.

Vor vier Jahren betrat ich eines Morgens den Kindergarten mit Söhnchen und beobachtete einen Vater, der seinem Sohn half, seine Hausschuhe anzuziehen. Ich war hochschwanger und etwas sehr hormongesteuert. Ich musste seine Oberarme anstarren. Testosteron ist für Schwangere wie Lockstoff für Bienen an Blüten, oder so. Jedenfalls starrte ich warscheinlich ziemlich offensichtlich und sah dabei entweder mitleidserregend oder einfach nur furchtbar dämlich aus, denn seit dem – grüsste mich dieser Mann täglich.
Sogar am Nachmittag sah ich ihn dann.
Täglich, über drei Jahre. Wir witzelten, grüssten und schauten uns an. Aber imnmer mit mindestens 5 Meter Sicherheitsabstand.
Plötzlich kam er nicht mehr. Seine Frau kam. Sie holte den Sohn, sie brachte ihn.
Ich sah ihn nicht. Ich wusste nur, dass etwas Schlimmes passiert sein mustte.

Dann bekam ich im Februar eine Nachricht zum Geburtstag, bei Facebook. Sie war von ihm.
Er hatte mich gefunden und gratulierte mir. Wir kamen ins Gespräch.
Ich dachte mir eigentlich nicht viel dabei, schließlich war er erwachsen und ich nicht auf der Suche nach einer Beziehung, sondern ehrlich gesagt nur auf der Suche nach Spass und Ablenkung.
Ja, Frauen tun das auch manchmal…
Ich wollte eigentlich mehr meinen „Marktwert“ abschätzen, als irgendetwas Kompliziertes anzufangen.

Wir schrieben über Tage miteinander, wie man das heutzutage macht. Er erzählte von seinem Schlaganfall und dem plötzlichen Totalausfall aus dem Alltag. Von Dingen, die ich selbst gerade hinter mir hatte. Krankheit des Partners, Trennung, Schmerz, Unverständnis und alles das, was dazu gehörte.

Wir fanden uns.

Es war eine Art dramatische Liebeskomodie in Rekordzeit, mit einer sizilianischen Ehefrau als Hauptdarstellerin, Pornofilmen, die auf der Dorfstrasse landeten und seinen Autos, die von ihr mit einer Metallstange „verprügelt“ wurden, bevor sie mit einem riesen Aufriss auszog, ohne allerdings auch nur das Geringste von mir zu ahnen.
Sie fand viel geringere Gründe die Bühne zu räumen. Gut.
Gut, dass ich für sie nicht existent bin.
Das Andere ist ja ihre Sache.
Es ist ein schwieriges, kompliziertes Ding, unsere Geschichte, aber es ist irgendwie wie Platons Deanita. Etwas, was man schon immer gesucht hat, seine zweite Hälfte.

Letzte Nacht dann, erzähle er mir von seiner Zeit als Kameramann in Köln.
Ich stand ruckartig senkrecht im Bett.
Ich sah ihn an…QVC?!…Und plötzlich erzählten wir beide von der Nacht, in der die Frau mit der süssen Stimme anrief, wegen eines Armbandes und die ihn sehen wollte…