Rabenmutter Teil 1

Oh Mann-
Was ein Tag! Apokalyptische Grundstimmung hat heute Nacht eigentlich die Weichen für den Tag bestimmt. Aber ich bin grundsätzlich immer an positiver Stimmung interessiert und rief deshalb den ‚Söhnlein-klein- Mama-Ta’ aus. Also fast durchgearbeitet- aber nur fast angezogen und fast fertig, alle Drei zur Kita bzw. Schule zu bringen, das müsste gehen…. Problem war allerdings, Wunschdenken und Realität unter einen Hut zu bringen. Unser neuer Erziehungsguru und Bestsellerautor empfiehlt das so, dass es einfache strickte Regeln einzuhalten gilt, bis etwa zum 11. Lebensjahr. Kurze, knappe, ausdrucksstarke Sätze- fast militärisch , heißt der Zaubertrick…

Und tatsächlich…. es funktioniert! 

Das ist natürlich absolut vorbei an dem Grundthema der Kita und zuwider – Salutogenese und Entfaltung in alle Richtungen -, aber mal auf dem Boden der Realität und aus der Sicht der Mutter, Alleinerziehende, mit noch zwei Kinder dabei, mal ganz ausgeklammert, wer findet „Waldwoche“(???) bei strömendem Regen und 7Grad C. gut, wenn er dummerweise mit drei Kindern auf Einkommen, also Geld angewiesen ist? Wahrscheinlich nur die Tagesmutter,die den kranken Zwerg dann versorgen muss, denn die 14 Tage Krankenheitsurlaub pro Kind sind schnell ausgereizt und dank Waldwoche, Matschloch und Bauernhof- Wandertag, leider auch die Strom-, Wasser- und Waschmaschinenkapazität in einem deutschen Durchschnittshaushalt. 

Aber, ich bin eine Spassbremse, die den habtischen Zusammenhang zwischen Bleistift- Vorschulprogramm und Vorschulmatschkugeln formen nicht kapiert, deswegen mit Sohnemann zum Psychologen rennen muss, weil das nicht wenig dumme Kind keine Buchstaben und Zahlen behält, aber konsequent alles rückwärts, also dann komplett gespiegelt, in Spiegelschrift schreibt. Vielleicht hat er definitiv zu wenig, von den 6 Stunden am Tag, im Matschloch gehockt. Oder zu wenig das Toilettenpapier in der Kloschüssel rotieren gesehen, bevor die ganze krasse Masse den Schüsselrand übertreten hat und sich in die Toiletten verteilte. Oder er hat seine Körpermitte nicht gefunden, weil ich Zuhause verboten habe, an einem ‚Nicht-fest-geschraubten-Ikea-Bill’ hochzuklettern und „selbst“ die Erfahrung zu sammeln, wie es ist, aus 1,80m auf auf dem Fußboden aufzuschlagen. Ich Rabenmutter! Ich bin auch schuld, wenn Sohnemann mit 12 noch keine Plombe braucht, weil ich mich immer noch weigere Äpfel zu schälen und in Mundgerechte Stücke zu zerteilen. Herrjee- die Generation kennt halt die Zahnpasta-Apfelwerbung nicht mehr! Und der Zahnarzt will auch verdienen. Also- Rabenmutter!  

Ich spare aber mindestens 15 Minuten Apfelpflege zu Gunsten der Kinderzähne, mal drei- am Tag….

Spruch einer anderen Mutter: „Ich fühle mich besser, wenn ich meiner Tochter den Apfel schäle!“

OMG! 

Ok- damit würde ich aber nicht spaßen, das ist ein Fall für mindestens 15 h Psychotherapie! Ich fühle mich nämlich gut nach 9h Schlaf, Sex, Dusche und einer aufgeräumten Küche….  

Aber jeder wie er es braucht. Trotzdem irgendwie gefährlich, immerhin erziehen wir die neue Elite unseres Landes! 

Ich hege ja die Vermutung, dass der Kindergarten und die örtlichen Ergotherapeuten einen Deal haben. Manche Kinder legen auffällige Dinge nur in der Kita an den Tag und ist ein Kind dann versorgt, macht es plötzlich ein anderes. Meistens Kinder von Alleinerziehenden Müttern, mit Geschwistern. Sehr dubios. Ich hatte in den letzten Wochen viele Gespräche mit Müttern in ähnlichen Situationen wie meine und wir stellten erschreckende Parallelen fest, die die Kinder angeblich aufweisen würden und machte mir dazu schon einige seltsame Gedanken. Eine Therapeutenmafia??? Muss die Sonder und Förderschule in der Sprudelstadt voll werden, oder gibt es einen Finanzzuschuss, wenn die Eltern so gemobbt werden, dass eine Pflegefamilie eingeschaltet werden müsste…..nicht auszudenken, wenn da was drann wäre….Aber dazu und zu meiner Erfahrung mit dem Thema Jugendamt komme ich später.

 
Nachdem ich also den Erstklässler in seine Schule und mein Töchterlein in die Kita gebracht hatte, fuhren mein Kleiner und ich zum Friseur. Schneiden, die Zeichen der Zeit überfärben und meinem Sohn den Friseurberuf erklären, war angesagt… 

„Mama, was ist das?…Mama, wofür braucht die Frau das? …Mamaaa, warum ist das soooo?…Mamaaa, wo wird das hergestellt?“ „Was hergestellt, mein Schatz?“ „Das schwarze Waschbecken, wo kommt das heeer??????“

???

„Jaaa, ich weiß es nicht, in einer Fabrik für schwarze Waschbecken?“ „…und wo ist die Fabrik für schwarze Waschbecken?“ „Ehm, Schatz, ich denke im Schwarzwald!“ „Mama, warum heißt der Wald so????? …….“

Die Friseurin rollte die Augen, ich bestellte den dritten Kaffee und bekam eine Kopfmassage.

Hinter mir rappelte es und eine Flaschensammlung fiel vom Regal, komisch, Söhnchen stand allerdings schon 5m weiter links… Irgendwie schafften wir es dann, dass Söhnchen der trotz anfänglicher guter Laune und Entusiasmus, seine Laune verloren hatte, sich dann trotzdem noch dazu überreden liess, sich die Haare schneiden zu lassen. Wir durften sogar den normalen Preis ohne Kinderzulage zahlen, Fragen zu Waschbeckenherstellern inbegriffen- die Toilette des Supermarktes durfte Söhnchen auch benutzen, obwohl es mich wirklich Überwindung kostete, mit halb eingefärben Haaren, der Strähnenfolie und dem Friseurumhang durch die Gegend zu laufen. Einen quengelnden Jungen an der Hand, der zu allem Überfluss auch noch anfing laut zu rufen :“Ich habe Hunger! Hilfe, ich verhungere!!!“

Das war seine Reaktion darauf, dass wir auf dem kurzen Weg vom Supermarktfriseur zur Supermarkttoilette zwei Bäcker passieren mussten und er die Donats mit Schokoladenguss in der Auslage sah. Warum er beschlossen hatte, statt: „Ich will einen Donat!“ Ausgerechet: „Ich verhungere-Hilfeeeeeee!“ zu rufen, war mir schleierhaft. Mit hochrotem Kopf, dem ganzen Friseur- Zeug auf dem Kopf und Söhnchen hinter mir herziehend, muss ich furchterregend ausgesehen haben, den die Leute blieben stehen und drehten sich um….

Rabenmutter!

Aber dann endlich am Auto, genoss ich auch kurz das „Frisch-gestylte-Gefühl“, für circa dreissig Sekunden, den die Tür hinter der Fahrertür ließ sich plötzlich nicht mehr öffnen. Nein, ich zog und zerrte. Söhnchen musste von der anderen Seite einsteigen und von innen drücken und ziehen. Fehlanzeige.

„Tacki (so nennt er seine Schwester), hat das Nikolauspapier dazwischen….“ „Tacki hat waaass???“ „Jaaaa, das Plastik von dem Lolli-Nikolaus..“

Noch Fragen?

Nein.

Ich zog und zerrte noch ungläubige fünf Minuten, bis ich mir eingestehen musste, dass wieder etwas passiert war, dass mich wieder Geld kosten würde und Zeit und einfach vermeidbar gewesen wäre, ich jetzt aber definitiv nichts mehr dagegen tun konnte. Wie schön wäre ein fahrendes, fehlerfreies, schnelles Auto, in das alle drei Kinder und ich bequem und verkehrssicher fahren könnten…

Söhnchen schrie plötzlich wieder, er sei am verhungern und holte mich wieder zurück in die traurige Parkplatzwahrheit.

Ich beschloss seinen Bauchansatz zu übersehen und schnelle erste Hilfe, in Form einer Juniortüte zu leisten. Er war 15 Minuten später echt seelig und hielt noch die restlichen Pommes und Chickenteile auf dem Schoss in der Tüte fest, als wir die Werkstatt erreichten. Ich erklärte da meine Tür-Misere und bekam als Antwort ein bedenkliches Gesicht. „Isch die Kinnersicherung noch druff?“ Ehhm…. „druff?“ Er meinte wohl drinn….ok. Ich verstand. „Jaaaaa…..“ „Ach Du Scheisse!!!!!“ rief er und drehte sich bestürzt zu seinem Lehrling. „Des dauert dann abber!“ sagte er mehr zu sich als zu seinem Azubi, oder mir. Ich hatte fast das Gefühl, er lächelte dabei.

Mein Auto, mein schönes, neues, zwanzig Jahre altes Auto. Ich fing an zu schniefen. Söhnchen nahm plötzlich überraschend meine Hand von hinten und sagte, ungewöhnlich langsam und klar :“Wir können uns doch einfach eine neue Tür kaufen, mit dem Geld aus dem Automat von der Sparkasse, oder?“ Klar sagt diesen Satz jedes Kind irgendwann einmal, aber in dem Moment war es so klischeehaft, dass ich plötzlich nur noch hysterisch lachen konnte. Vielleicht mehr aus Frust oder Trauer, weil die Tür sicher teurer als das Auto werden würde, aber auch aus erleichternder Überraschung, dass mein Sohn eigentlich genauso denkt, wie alle Kinder….. kaputt…also Neues kaufen!

Seine Pommes waren mittlerweile leer und er setzte sich in eine Ecke der Werkstatt und schaute, mit dem Kopf in den Händen gespannt zu, wie ich, immer aufgelöster und der Mechaniker immer beschwichtigender ums Auto liefen.

Nachdem ich dann schließlich doch noch endlich Winterreifen bestellen liess und einen Termin für nächste Woche gemacht hatte, kam er auf mich zu und meinte fast beiläufig: „Mama, kennst Du eigentlich LEBENSMITTEL?“ Meine Augen wurden so gross, wie meine Reifen. „Ja, dann …ich hätte gerne wieder welche!“

Oh…mein….. 

Keine Ahnung, wo dieses Kind herkam, oder wer es in den letzten Jahren so erzogen hat. Scheinbar war ich es nicht. Denn es zeigte Seiten von sich, in den letzten 6 Stunden, die hätte ich im Traum nicht geahnt. Ich entdeckte heute Seiten an ihm, die kannte ich noch nicht. Die waren mir auch von seinen älteren Geschwistern irgendwie fremd. 

Als er mir dann zuhause bis auf die Toilette nachlief und ich eher etwas angesäuert fragte, warum er das tue und nicht spielen würde sagte er mit einer entwaffnenden Süsse :“…ich mach das, weil ich Dich so mag, Mama!“

Ich musste fast heulen. Ehrlich.

Also dieser Tag hatte es in sich.

Später war es schon Routine, dass mein Schulkind wieder eine kaputte Jeans hatte und der Turnbeutel nur noch halb anwesend war…. Dass- Töchterchen von oben bis unten eingesandet war, weil sie bäuchlings einen Schmetterling im nassen kalten Sand nachahmte, als ich gerade den Kitagarten betrat… und das bei 7 Grad und Wind.

Warum denn aufregen?

Schliesslich war kein Zahn ausgeschlagen, keine teure Jacke kaputt und der ganz Kleine hatte auch nur noch einmal ganz kurz „…ich verhungere ….“ gebrüllt, als er beim Einsteigen vor unserem Haus, die Plätzchentüte von Oma in der Fahrertür bemerkt hatte. Die Nachbarn haben sich auch sofort tuschelnd weggedreht. Schwein gehabt.

Also- es war nicht weltbewegend schlimm.

Wenn es kommt, dann dicke. Ja. So, und jetzt stellt Euch vor, ich würde das filmen! Oder als Fortsetzungsroman schreiben?  

Ja? Nein? Aber sicher muss da jemand Korrektur lesen, bei meiner Orthographie-Legasthenie…

So, gute Nacht.

18 Gedanken zu “Rabenmutter Teil 1

  1. Oh ja, ich bitte um die Fortsetzung! Nerven wie Drahtseile hat sie… ganz eindeutig…“Wie schön wäre ein fahrendes, fehlerfreies, schnelles Auto“ oh jaaa, da fühle ich mit dir 😀 Auf die ganze krasse Masse!

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  2. Der Reissverschluss ist ja auch bei uns kaputt, wie fast an jeder Jacke. Dafür ist dann am Mantel ein Riss, weil der Jasper meinte die Kapuze abzureissen. und der neue Schal ist im Bus liegen geblieben. Dafür ist das Portemonnaie wieder aufgetaucht, war in die Badewanne gefallen…

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  3. Als Alleinerziehende muss man schon manchmal Kräfte aufbringen, die man eigentlich nicht mehr hat. Aber solange du noch so darüber schreiben kannst …. und nicht jeder Tag so ist 😉

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