Seelenschmerz 

Seelenschmerz 

SeelenschmerzErstveröffentlichung 2012

In der Strasse in der ich wohnte, blühten weiße Lilien an einem Turm. Lavendel, alle Arten von Rosen. In dem Turm wohnte ein rotweintrinkender Geigenspieler. Am Ende des Sommers, standen die Fenster immer weit offen. Man konnte auf der Strasse das Gemäuer regelrecht riechen. Der Mann hatte einen kleinen Balkon, saß oft in der Abendsonne. Ein sehr scheuer Mensch, grüsste, redete aber kaum, wenn ich abends Gassi ging. Er hatte seinen gelben sabsteinfarbenen Turm vollkommen restauriert, ohne Stilbruch zu begehen. Wunderschön. Irgendwie verwunschen. Unterhalb „meiner Gasse“ züchtete er Koys. Jeden Morgen fuhr er seine Fische zu den Leuten, die Fische bei ihm bestellt hatten. Manchmal sehr weit. Tagelang.

Die Herbstabende waren warm, in den Scheunen am Ende der Strasse blubberte der Most in den Fässern. Es zog ein angenehmer Duft durch die Gasse, begleitet von gigantischen Fruchtfliegenschwärmen und einzelnen Fledermäusen, die in der Dämmerung ihre Kreise zogen. Nachtigallen sangen. Die Luft war geschwängert von den Düften des vergehenden Sommers.
Am Ende der Gasse, dort wo der Doktor wohnte, ging es zu den Friedhöfen. Links und rechts einer Bundesstrasse, mit alten Bäumen und malerischen alten Gräbern.

Direkt davor, eine umgebaute Scheune. Ein verwunschener Garten mit Weiden, weißen Bänken, Buchsbäumen und zauberhaften Sitzpläzen, zwischen Hecken und Rasenflächen. Mehrmals im Jahr fanden dort Konnzerte statt, in einer herrlich beleuchteten Parkkulisse, wunderschön. Geladene, edel anzusehende Gäste kamen. Ich konnte die Musik hören, in meinem Bett, bei offenem Fenster. Ein Hahn weckte mich jeden Morgen, und die Kirchturmuhr… zusammen mit dem liebenden Kuss der Unbeschwertheit.

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Zufälle, die es eigentlich gar nicht gibt… 

Vor ein paar Tagen erst, erzählte sie ihrer Freundin von damals…

Von den warmen Nächten am Rhein. Den Bierkästen im Wasser zum Kühlen. Dem kleinen Auto, in dem sie alle zusammen nach Paris fahren wollten. Damals, im Sommer, in dem die Nächte nicht kühler wurden, wenn die Tage subtropisch und klebrig waren. Von den unzähligen Frühstückspartys, in ihrem Lieblingscafé, wenn der Morgen über die Stadt hereinbrach.

Sie erinnerte sich an die kleine Schwester ihres damaligen  Tanzpartners, der dann Jahre später ihr Freund wurde… -Und an diesen einen Jungen, in den sie damals wohl beide gleichzeitig verliebt waren. Sie erinnerte sich genau an seine Augen und seine Stimme-  und die Art, wie er lächelte, wenn sie den Raum betrat. Warum aus ihnen trotzdem kein Paar wurde, konnte niemand genau sagen. Es war ein ewiges Ringen mit sich selbst, Abschätzen, Einschätzen und der seltsame Wunsch, die Freundschaft vor einer Liebe und deren Folgen schützen zu wollen.

„Nie wieder wird es so wie jetzt, wenn Du mich küsst…“

Sie verloren sich aus den Augen, als sie alle einen Job bekamen. Beziehungen wurden plötzlich wichtiger, es kamen Ehen, Kinder und das übliche Programm, wenn plötzlich das Leben an rasanter Fahrt zunimmt.

Mit fast vierzig Jahren erinnerte sie sich plötzlich an die Zeit. Fast ein halbes Leben lag dazwischen. Ehen, Kinder, Erfahrungen und die ersten Lachfalten.

Je länger, sie an diese Zeit dachte, umso mehr wollte sie wissen, was aus ihm geworden war. Er war nämlich der einzige der Clique, von dem sie über die Jahre überhaupt nichts erfahren hatte. Sie wusste, dass er ein sehr treuer Beziehungsmensch war und konnte eigentlich nur daraus schließen, dass  wahrscheinlich irgendwo glücklich verheiratet war.

Trotzdem begann sie zu suchen. Im Kleinen, nur um zu erfahren, ob sie recht hatte mit ihrer Vorstellung.  Aber – keinen Erfolg. Er war nicht aufzufinden. Keine Suchmaschine, kein soziales Netzwerk schien er zu besuchen. Er war einfach nicht da. Sie musste nach jedem erfolglosen Versuch lächeln, denn er schien es zu verstehen, ein ruhiges Leben zu führen, so- wie er es immer prophezeit hatte.  Die grosse Liebe gefunden, ein Haus , vielleicht ein Hund. Vielleicht genau so! Damals hatte sie seine Romantik immer unwiderstehlich gefunden, heute hätte sie gesagt, er war einfach wunderbar ’solide‘.

Ungefähr vierzehn Tage nach dem letzten erfolglosen Versuch ihn zu finden,  sah sie dann plötzlich seinen Namen ganz oben auf der Liste der Personen, die Facebook als Freunde, die man kennen könnte, vorschlug.  Sie erschrak sogar und zuckte zusammen. Innerlich fing sie an, zu zittern, vor Neugier und Erwartung, als sie ziemlich aufgeregt seine Freundschaft „beantragte“.  Es dauerte Stunden, bis dann endlich eine Nachricht auf ihrem Handy einging. Allerdings registrierte sie es zwar, aber die Kinder waren gerade dabei, das Badezimmer zu fluten,…..sie suchte vergeblich mehr trockene Handtücher zu finden und der Hund probierte  sich gerade in die Esszimmer-Gardine zu wickeln…wahrscheinlich in der romantischen Annahme er sei eine Braut mit Satinschleier oder eine Hunde-Roulade mit weißem Stoff und Blumenerde-Sosse, die sich von den Orchideen auf der Fensterbank gerade langsam über ihn ergoss.

Sie vergaß die Nachricht und begann später bis um 2Uhr morgens am Laptop zu arbeiten. Gerade, als sie beschlossen, hatte die Brille abzunehmen um zu Bett zu gehen und sich müde die Augen rieb, fiel ihr die Nachricht ein. „Leider weiß ich jetzt nicht, wer Du bist- ich kann mit dem Pseudonym nichts anfangen…   Kennen wir uns?“   Sie schrieb, ohne auf die Uhr zu sehen: “ Ich bin es doch! H.’s  Ex-Freundin! Jetzt? Aber ich wollte dich nicht wecken….“ Etwas erschrocken über ihr verlorenes Zeitgefühl, hoffte sie, dass er zu den Menschen gehört, die das Handy nachts abschalten. Umso mehr zuckte sie zusammen, als der Antwort-Pington eine Minute später erklang.      „Ach sooooooooo….jaaaa klaaar!“  Und das Gespräch begann…

Vier Stunden lang schrieben sie sich, das Leben der letzten zwanzig Jahre. Sie erfuhr, dass er verlassen worden war, aus heiterem Himmel. Dass sie den Hund mitgenommen hatte, dass er vor den Scherben der letzten zehn Jahre stand. Sie erzählte, dass sie ihn gesucht hatte. Er erklärte, dass er erst den vierten Tag angemeldet sei und vorher nichts damit zu tun hatte. Facebook und Austausch mit der seltsamen „blauen“  Welt. Hatte sie ja geahnt.

Sie tauschten Fotos aus. Da war er….etwas grau, reifer- aber er …..   „Hallo schöner Mann!“  „Oh mein Gott, wer bist Du denn? Du bist noch so hübsch wie früher!“

Dann begannen sie zu überlegen, warum sie nach so langer Zeit jetzt, mitten in der Nacht, gleichzeitig und er ohne Grund, wach waren- und sich gefunden hatten. Gab es soviel Zufall? Ist es tatsächlich so, dass man sich immer zweimal trifft, oder war das nur in ihrem Leben so?

Sie erzählte ihm von dem Glückskeks-Spruch den sie morgens erhalten hatte- und sie lachten herzlich. „Das Glück kommt zu Dir!“ Was für eine Prophezeiung! Dann erzählte sie ihm von den fehlenden Prinzen und den ausgebliebenen Rettern, es würde niemand außer dem Postboten kommen, das stand für sie jedenfalls fest. Und der auch nicht, es war ja Sonntag!

Ob es eine Vorbestimmung im Leben gibt? Sie überlegten Stunde um Stunde.

Er war „Zuhause“ geblieben, immerhin 250km weit weg – und um 6 Uhr meinte sie, mehr aus Spass: „Die Hühner haben 6 Eier gelegt, letzte Woche….. Es ist Samstag! Bring Brötchen mit, wir Frühstücken, wie früher und quatschen! “ „Weißt Du noch, wie damals…. !“   „Das wäre toll!  Lege Dich hin, es ist schon hell…Gute Nacht!“

Um 9 Uhr klingelte es-

„Hallo- ich bin es! Hier sind die Brötchen!“ Er sah ihr in die Augen. Für einen Moment stand die Welt still.

„Dein Leben hat begonnen!“