Liebes Kind…

Es zerriss mir mein Herz.

Dein Bild- überall im Internet, in den Zeitungen von dieser Nacht.

Du warst mit Deinen Eltern in diesem Boot, ihr wolltet weg, in ein sicheres Leben- zu Deiner Tante. Nach Kanada.

Deine Mutter hat Dir morgens Dein kleines rotes T-Shirt übergezogen, Dir Deine kurze Hose und deine Schuhe angezogen und los ging es.  Hoffentlich hatte sie Deinen Teddy nicht vergessen. .. Ich kenne dieses Ritual, ich tue es auch, jeden Tag. Mein Söhnchen ist genauso alt wie Du. Vielleicht seit ihr sogar gleich gross gewesen. Vielleicht hättet ihr richtig viel Spass miteinander gehabt, hättet ihr Euch gekannt.

Nun liegst Du da.

Tot.

Deine Mutter ist mit Dir gestorben. Dein Bruder auch.

Dein Vater fand Dich nicht im Wasser, und erst im Morgengrauen fand man Deinen kleinen Körper- als würdest Du schlafend daliegen, am Ufer- im Sand. Ein Polizist nahm Dich behutsam auf den Arm und trug Dich weg. Irgendjemand schoss diese Bilder von Dir.

Du bist tot. Die ganze Welt überlegte, ob sie Dich so zeigen soll… Dich, wie Du da liegst im Sand.  Ob es pietätlos ist, Dich zu zeigen, ob es ein Geschäft ist, wenn man Dein Foto in einer Zeitung kaufen kann.

Was soll das? Wer denkt denn bei Deinem Anblick daran, daran eine gute Auflage zu erzielen? Journalisten haben einen Berufskodex, und es sind MENSCHEN!

ES SCHMERZT! Es schmerzt so sehr, dass man Dich ansehen MUSS! Die Welt sollte Dich sehen. Die Welt muss Dich sehen! Denn dann, sagt Dein Papa, BIST DU NICHT UMSONST gestorben. Denn dann wird uns vielleicht endlich ALLEN bewusst, wie sehr Deine Familie, Freunde und Nachbarn leiden, dass das Leben ein kurzes Licht ist, das empfindlich schnell ausgelöscht wird.

Im ersten Moment denkt wohl niemand an irgendetwas, bei Deinem Anblick. Man sieht Dich und es schmerzt. Es schmerzt so, weil man hinrennen möchte, Dich auf den Arm nehmen möchte und Dich trösten möchte- und Dir sagen möchte, dass alles wieder in Ordnung kommt. Aber man KANN es nicht. Du bist tot. Alleine, kalt, nass.

Mehr nicht- und trotzdem ist es alles in der Welt, in diesem Moment.

Dein Papa möchte Dich wieder nach Hause bringen. Er möchte neben Dir und Deiner Mutter und Deinem Bruder begraben werden. Nichts in der Welt kann seinen Schmerz wohl jetzt übertreffen. Niemand möchte das Sterben seines Kindes erleben. Nicht hier, nicht in Syrien und nicht in Afrika. Und es trifft uns so sehr, weil wir genau wissen, es wäre vermeidbar gewesen. Es trifft uns so sehr, weil es einfach so nackt und ungeschönt ist, Du- mit dem roten Shirt, den kurzen blauen Hosen und den kleinen Schuhen. Hilflos, da liegend im Sand. Einfach nur tot.

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Liebe Leser,

Sicherlich meinen einige von Euch, es sollte nicht veröffentlicht werden. Oder vielleicht denken einige auch, WAS WILL DIE DENN ÜBERHAUPT? Oder sie denken sowieso anders als normal denkende Christen.  Dann spart Euch bitte den Kommentar, es ist ein stilles Bild, ein zu tief erschütterndes Bild, über dem diese Art von Diskussion nicht angebracht ist.

ICH möchte dem Vater helfen, in dem ich das tue, was er möchte: Die ganze WELT soll ES sehen! MEIN KIND, da tot im Sand. WARUM???  HELFT!

Ich füge den Bericht der Zeit an, den ich bis zum ersten Drittel im Text recht gut finde. Aber auch dann wird er benutzt. Vollkommen Überflüssiges wird zur Sprache gebracht. Gut gemeint, mit zwar helfender Absicht, aber zuviel, zu weit weg von dieser Aufnahme, zu oft thematisiert.   Dabei ist diese Aussage, die das Bild  sagt, so einfach:

„Hier liege ich, Ailan Kurdi, drei Jahre alt…..   ICH BIN TOT.

 Ich wollte mit meiner Familie ein sicheres, frohes Leben. Gross werden und Spass haben- in meinem Leben- NUR DAS!  Nur leben!“

……………………..

Folgender Bericht entnommen aus „Die ZEIT“

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KULTUR
MITTELMEER
Mit Wucht durch den Wahrnehmungspanzer
Das Bild eines ertrunkenen Kindes geht um die Welt.

Es ist nicht unzumutbar wie andere Fotos, aber umso wirkungsvoller. Eine Katastrophe ist auf einen Moment verdichtet. EIN KOMMENTAR VON ARNO FRANK
© AP/dpa

Der Moment nach dem ersten Foto: Ein türkischer Polizist trägt die Leiche des syrischen Jungen.
Gäbe es nur dieses Bild, dieses entsetzliche Bild von einem kleinen Jungen in kleinen Schuhen, mit blauer kurzer Hose und rotem T-Shirt, wie er bäuchlings im Sand liegt, die Haare feucht am Kopf, die Arme wie im Schlaf ruhig neben dem Körper, die Handflächen nach oben, das Gesicht umspült von einer milden ägäischen Brandung, gäbe es also nur dieses Bild, könnte man darüber nicht schreiben. Nur schweigen und, sofern man ein Mensch ist, weinen. Es gibt aber nicht nur dieses Bild. Das Bild hat eine Geschichte. Und es hat eine Botschaft. Denn das Kind hat einen Namen. Und sein Tod einen Grund.
Das Bild wurde am Mittwoch bei der Bergung von zwölf Leichen am Strand unweit des südwesttürkischen Badeortes Bodrum gemacht und hat sich seitdem weltweit über Twitter verbreitet. Es zeigt den dreijährigen Ailan Kurdi. Berichten der Nachrichtenagentur AFP zufolge sind Ailan und sein drei Jahre älterer Bruder zusammen mit ihren Eltern aus dem syrischen Kobane geflohen. Sie wollten nicht nach Europa. Sie wollten nach Kanada, wo die Schwester des Vaters seit 20 Jahren als Friseurin in Vancouver lebt. Dem Ottawa Citizen erzählte sie, nur ihr Bruder habe die Überfahrt überlebt. Jetzt sei sein einziger Wunsch, seine Frau und seine beiden Söhne zurück nach Kobane zu bringen. Und sich neben ihnen begraben zu lassen.

Das Bild zeigt ein Kind, das unter anderen Umständen an der Hand seiner Eltern in ein Flugzeug gestiegen wäre. Aber kurdische Flüchtlinge aus Syrien werden von den Vereinten Nationen nicht ohne Weiteres als Flüchtlinge registriert, sie erhalten von der türkischen Regierung nicht ohne Weiteres die nötigen Ausreisevisa. Und Europa … ach, Europa. Die Fahrt vom kleinasiatischen Bodrum ins europäische Kos ist nicht eben eine „Überquerung des Mittelmeeres“ zu nennen. Es ist eher ein Katzensprung. Zweimal täglich legt eine Fähre in Bodrum ab, morgens um 9.15 Uhr und nochmal nachmittags um 17 Uhr. Für die Strecke hinüber zur Insel braucht sie nur 20 Minuten. Und so setzte sich die Familie mit anderen in ein kleines Boot.

Das Bild ist nicht alleine, sondern Teil einer Serie. Verschiedene Bilder zeigen Ailan Kurdi am Strand, aus mehreren Perspektiven. Wir sehen angespülte Überreste von Kleidungsstücken. Einen türkischen Polizisten mit grünem Barett, der über der Leiche steht. Wir sehen, wie er den Jungen auf den Arm nimmt und davonträgt, das Gesicht zur Seite gewendet. Es gibt auch einen Film, der den winzigen Körper in den Wellen zeigt, als wäre er eben gestolpert. Schon tauchen die ersten Bilder auf, sie können auch noch nicht alt sein, die Ailan und seinen Bruder lebend zeigen. Lachend, im Spiel mit einem Teddy. Milchzähne.
Das Bild von Ailans Leichnam ist ein Schnappschuss, sein Urheber mutmaßlich kein Profi, sein Zweck nicht die Propaganda. Es erscheint und erschlägt uns mit nackter Faktizität. Es gibt hier kein Geheimnis. Das Foto ist nackt, und viele Medien verzichten darauf, es zu zeigen. In einem gelehrten Essay für den Cicero über „Die Macht der Inszenierung“ stellte Michael Rutschky vor einer Weile durchaus zu Recht fest: „Snapshots des entscheidenden Augenblicks, der anschaulich die Wahrheit über ein historisches Geschehen enthüllt, gibt es nicht (mehr).“ Diese Aussage muss als widerlegt gelten. Dieser Schnappschuss enthüllt anschaulich die Wahrheit über ein historisches Geschehen, dessen „entscheidender Augenblick“ eine Katastrophe in Permanenz ist.
Andere Bilder sind unzumutbar
Das Bild hat eine Wirkung, und diese Wirkung hat Wucht. Der Krieg produziert unablässig Bilder des Grauens, von den Fotografien Robert Capas aus dem spanischen Bürgerkrieg bis zum nackten Mädchen in Vietnam, das brüllend vor einem Napalm-Angriff flüchtet. Die Allgegenwart von Fotoapparaten bringt eine Allgegenwart von Bildern mit sich, vor denen im Zeitalter digitaler Reproduktion kein Entkommen mehr ist. Entsprechend roh und grausam ist, was wir zu sehen bekommen. Und nicht sehen wollen. Entweder, weil wir gelernt haben, den Bildern zu misstrauen. Oder aber, weil diese Bilder in ihrer Entsetzlichkeit schlechthin unzumutbar sind. Erst in der vergangenen Woche wurden an der libyschen Küste 150 Leichen von Flüchtlingen angespült, darunter viele Kinder. Kinder, blitzlichtscharf in der Gischt, manche noch in Windeln, mit nackten Bäuchen, gebrochenen Augen und offenen Mündern, in denen das Salzwasser steht. Ist es falsch, dergleichen nicht sehen zu wollen? Ist es menschlich?
Das Bild ist nicht bearbeitet. Es gibt viele Versuche, das tägliche Grauen zu verarbeiten, der sinnlosen Wucht eine Stoßrichtung zu geben. Schon zeigen die ersten Bilder Ailan Kurdi, im Tode überlebensgroß, mitten im weiten Rund eines arabischen Parlaments. So wie der Künstler Banksy für eine makabre Montage schwimmende Leichen im blauen Mittelmeer kreisförmig angeordnet hat, damit das Ensemble an die EU-Fahne erinnert. Auf diese Weise wird der Anblick des Grauens paradoxerweise zugunsten seiner politischen Anschaulichkeit entschärft. Jedes künstlerische Arrangement lenkt unseren Blick vom Grauen ab. Schlimmstenfalls hin zum Kitsch, bestenfalls auf seine Verantwortlichen. Aber immer weg, weg, weg von den offenen Mündern.
Das Bild zeigt das Kind schlechthin
Das Bild ist unerträglich, weil es erträglich ist. Und umgekehrt. Anders als die Aufnahmen von der libyschen Küste ist das Foto von Ailan Kurdi nicht auf den ersten Blick abstoßend, nicht auf den ersten Blick brutal. Sein Körper ist nicht grotesk verrenkt, nicht versehrt. Die Hülle der Alltäglichkeit ist noch unversehrt. Und wir sehen kein Gesicht. Deshalb ist in gewisser Weise nicht nur dieses Kind erbärmlich ertrunken und angeschwemmt wie Strandgut. Es ist mein Kind. Es ist dein Kind. Es ist das Kind schlechthin als Inbild naiver Hoffnung und verratener Zutraulichkeit.
Das Bild hat einen Sinn. Es ist ein visuelles Geschoss, das mühelos unseren Wahrnehmungspanzer durchschlägt und ins Herz trifft. In ein Organ also, von dem es heißt, dass es Verengungen und Verhärtungen nicht verträgt. Und zugleich, wer weiß, Ausgangspunkt politischer Entscheidungen sein kann. Rosa Luxemburg schrieb einmal: „Gewöhnlich ist ein Leichnam ein stummes unansehnliches Ding. Es gibt aber Leichen, die lauter reden als Posaunen und heller leuchten als Fackeln.“
Wenn es solche Leichen wirklich gibt, dann ist Ailan Kurdis Leiche eine solche. Sie redet von Schande. Und leuchtet doch von Hoffnung. Es genügt ein Blick auf dieses Bild, auf die Sohlen seiner kleinen Schuhe. Er hätte noch weit damit laufen können.

VON Arno Frank
DATUM 03.09.2015 – 15:33 Uhr
QUELLE ZEIT ONLINE

LESERKOMMENTARE
H.etze.r
03.09.2015 um 15:49 Uhr
1. Das Foto zebricht
Einen das Herz und es zeigt die Qual der Kriegsflüchtlinge.

ddZR
03.09.2015 um 15:50 Uhr
2. Alle 5 Sekunden stirbt ein Kind
Wie oft werden wir daran erinnert? Kaum. Wer denkt in seinem Alltag daran?

Haben diese Kinder nicht auch das Recht zu leben? Also warum genießt genau dieses Bild im den Medien so eine grosse Aufmerksamkeit?

Weil es ins Weltbild passt, uns ein schlechtes Gewissen machen soll obwohl das Kind, welches gerade an Malaria in Afrika stirbt ebensoviel wert ist aber keine Beachtung findet. Kampagnenjournalismus und unehrliche Krokodilstränen sind das in meinen Augen.

OguzHan
03.09.2015 um 15:52 Uhr
3. …………
„Das Bild ist ein visuelles Geschoss“

Die kurzlebigen Bekundungen von Betroffenheit sind letztlich ebenso sehr ein soziales Zeichen für Abgestumpftheit und ein allgemeines Desinteresse am Geschehen auf diesem Planeten………..kommt wie ein Kugel und verschwindet auch wie ein Kugel.

saitoti
03.09.2015 um 15:58 Uhr
4. Betroffenheit – zwischen Ehrlichkeit und Hype
Alle 5 oder 8 Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung, Malaria, vermeidbaten Krankehietn, schmutzigem Wasser und dessen Folgen. Wen regt das schon auf, gester, vorgestern oder vor einen Jahr? Eigentlich niemand! Wie Elend und Betroffenheit für einige mediale Sekunden zelebriert werden – steigert das die Aufalge? – kotzt mich an – denn das Elend der Kinder geht weiter, jeden Tag, alle 5 oder 8 Sekunden – doch wir haben uns kurz in Betroffenheit gesuhlt!

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Diese Kommentare spiegeln auf keinen Fall meine Meinung wieder.

Danke für das Lesen (bis hier …:-))